Weltmeisterschaft 2014

Int. Triple Ultra Triathlon in Lensahn

vom 25.07. bis 27.07.2014

Bericht: Jens Schönbohm, Fotos: Joachim Feyka

Int. Triple Ultra Triathlon in Lensahn 2014

Mancher wird denken, „OK noch ein Triathlon, diesmal eine WM und etwas länger als sonst“. Vom Grundsatz her stimmt das auch, aber dennoch gibt es einige bemerkenswerte Unterschiede zu einem „normalen“ Triathlon. 
Vorweg aber nun die üblichen Daten: Die Schwimmstrecke beträgt 11,4 km oder 228 Bahnen im Freibad, auf Grund der zu erwartenden Schwimmdauer und der damit verbundenen Auskühlung, wird im Neo geschwommen. Anschließend wird auf die Radstrecke gewechselt. Hier sind auf einer leicht ansteigenden Wendepunktstrecke 540 km oder 112 Runden zu absolvieren. Zum Abschluss folgen drei Marathons, 126,6 km oder 96 Runden ebenfalls auf einer leicht welligen Runde rund ums Wettkampfzentrum. Die maximale Dauer ist auf 58 Stunden begrenzt. Dies sollte rein arithmetisch betrachtet ausreichen – eine durchschnittliche Ironmandistanz = 12 Stunden => drei Ironmandistanzen = 36 Stunden => ein zeitlicher Puffer von 22 Stunden.

Um das weitere Geschehen zu verstehen muss man noch wissen, dass der Veranstalter außer dem groben Rahmen (Wettkampfstrecken, ärztliche Versorgung etc.) nur noch die Zeitmessung zur Verfügung stellt – in Lensahn kommen drei Transponder-Systeme gleichzeitig zum Einsatz. Der sonst übliche rundumsorglos Service muss von den Teilnehmern selbst organisiert werden. D.h. viele reisen mit einem kompletten Serviceteam und der erforderlichen Ausstattung an.
Wir, Heide Lindemann (startet ebenfalls), Achim Feyka, Claudia Schönbohm und ich reisen bereits am Sonntag vor dem Wettkampf an, um uns an die Gegebenheiten zu gewöhnen und noch ein paar Dinge zu organisieren. Heide kennt bereits vieles von ihrer erfolgreichen Teilnahme 2012 und so kann ich von ihren Erfahrungen profitieren. Entlang der Radstrecke haben schon einige andere Teams den Stellplatz für ihren Versorgungspunkt abgeflattert. Wir stellen den, von Heide und Achim mitgebrachten, Anhänger nahe an die Ausfahrt des Wendepunktes – ein optimaler Platz, wie sich später zeigen wird. Im Laufe der Woche reisen weitere Teams an und es werden schnell Kontakte geknüpft bzw. alte wieder aufgefrischt – die Ultraszene ist klein und man kennt sich. Ein erster offizieller Teil ist das gemeinsame Essen der Athleten und Betreuer am Mittwochabend. Die sonst übliche Distanziertheit unter den Teilnehmern ist hier in keinem Moment vorhanden.

Am Donnerstag erfolgt die Wettkampfbesprechung und die Hämatokritwertbestimmung. Letzteres soll gewährleisten, dass alle Teilnehmer ausreichend hydriert sind. Die Wettkampfbesprechung erfolgt in lockerer Atmosphäre und den einzigen „Offiziellen“, den man sieht, ist der Präsident des ausrichtenden Verbandes (IUTA), Ghislain Maréchal ist selbst ein aktiver Ultratriathlet (www.xchallenge.be ist einen Besuch wert). Am Abend findet die obligatorische Pasta-Party mit der Vorstellung der Teilnehmer statt. Die ebenfalls eingeladenen Teams und die Helfer aus Lensahn verleihen der Veranstaltung einen würdigen Rahmen.

Nach einer mehr oder weniger schlaflosen Nacht beginnt am Freitag ab 6:00 Uhr das Einchecken in die erste Wechselzone – man begibt sich auf die Wiese und stellt seine Utensilien ab. Keine Gängelei durch übereifrige Wettkampfrichter, Eigenverantwortung steht bei dieser Veranstaltung immer an erster Stelle.

Pünktlich um 7:00 Uhr startet der Wettkampf. Die Reihenfolge auf den Schwimmbahnen war zuvor festgelegt worden und auch auf der Bahn werden wir uns schnell über eine sinnvolle Reihenfolge einig. Das sonst übliche Gerangel bei neun Personen auf einer Bahn bleibt aus und bei Überrundungen wird immer fair Platz gemacht bzw. an der Wende wird der schnellere vorgelassen. Die vielen Bahnen, die zu schwimmen sind, werden von Helfern der DLRG gezählt und in einem Rundenprotokoll werden die 100 m-Zeiten erfasst.

Int. Triple Ultra Triathlon in Lensahn 2014

Den Zählern gegenüber haben die einzelnen Teams ihre Helfer platziert. Viele notieren ebenfalls die Zeiten und weisen ihre Schützlinge darauf hin, wann es an der Zeit ist zu trinken oder zu essen. Ich habe mir dort am Beckenrand vier Radflaschen und ein paar Gels deponiert, die ich im Laufe der fast 3.5 Stunden verzehre. Nachdem die letzten 100 m geschwommen sind, begebe ich mich zu meinem Rad. Dort werde ich, wie bei einem Formel 1 Boxenstopp (den Vergleich hörte ich später von einem Zuschauer) von meinem Team auf das Rad fahren vorbereitet: Den Athleten hinlegen - Neo ausziehen – abtrocknen – mit Sonnencreme einreiben – Socken anziehen – aufstehen und Hose anziehen – Oberteil überstreifen – in die Schuhe schlüpfen – Helm auf, von links noch schnell ein Gel und von rechts den Abschiedskuss und los. Stopp! Die Fotografen möchten den Kuss nochmal sehen. Aber jetzt geht’s los.

Während ich nun auf der Radstrecke meine Runden drehe, baut die Crew den Versorgungspunkt an der Radstrecke auf. Außer dem Anhänger kommt ein Pavillon dazu und man richtet sich gemütlich ein. Denn laut Plan werde ich erst am Samstag zwischen 4 und 5 Uhr auf die Laufstrecke wechseln. Für Heides Unterstützung werden sie vermutlich noch etwas länger ausharren müssen. D.h. vor den Helfern, zu denen sich meine Eltern und auch Maren und Stephan Kalisch gesellt haben, liegt eine anstrengende Zeit. 

Die Radstrecke wurde gegenüber den Vorjahren fast halbiert und verläuft von Lensahn nach Nienrade und zurück. Dabei muss in jeder Runde durch zwei Wendepunkte und einen Kreisverkehr gefahren werden. Hier ist die volle Aufmerksamkeit gefordert, was sich in der Nacht aber als positiv erweisen soll. In den vergangenen Jahren sind immer mal wieder Teilnehmer auf dem Rad eingeschlafen, durch die sehr kurzen Abschnitte zwischen diesen Hindernissen, wird das in diesem Jahr vermieden. Leider gibt es an diesem Freitag, wie auch schon in den vorausgegangenen Tagen, einen böigen Nordwind, der die Radfahrt unnötig erschwert.

Int. Triple Ultra Triathlon in Lensahn 2014

Die Teams leisten in dieser Zeit eine wertvolle Arbeit. Etwa alle 9-10 Minuten komme ich bei ihnen vorbei. Vor der Einfahrt in den Wendepunkt gebe ich meine Bestellung (Riegel, Pizza, Baby-Brei, Trinknahrung etc.) auf und bekomme sie bei der Ausfahrt angereicht. Im nahe gelegenen Wettkampfzentrum werden regelmäßig die Zwischenstände abgefragt, so dass ich über den aktuellen Rennverlauf gut informiert bin.

Int. Triple Ultra Triathlon in Lensahn 2014

Ach ja, Wettkampfrichter habe ich auf der Radstrecke keine gesehen. Das Windschattenfahrverbot wurde selbst in der Nacht stets von allen eingehalten.

Der Wechsel auf die Laufstrecke erfolgt ebenso automatisiert wie der erste Wechsel. Versorgt mit einigen Gels mache ich mich nun an die erste Runde. Die Umstellung nach der 18-stündigen Radfahrt zum Laufen erfolgt etwas mühsam, aber nach einem kurzen Walkingabschnitt kann ich einigermaßen laufen. Während ich die ersten Runden drehe, zieht das Team, das nach Heides Rennabbruch nun zu meinem Team geworden ist, um. Heide und Achim haben sich für die Zeit in Lensahn eine Ferienwohnung gemietet, die strategisch günstig direkt an der Laufstrecke liegt und dort wird in der Einfahrt das Laufdepot eingerichtet.

Int. Triple Ultra Triathlon in Lensahn 2014

Der erste Marathon ist trotz eines wolkenbruchartigen Regenschauers bereits nach ca. 4.5 Stunden absolviert. Aber nun macht sich langsam etwas Müdigkeit bemerkbar und auch die kühle Morgenluft erwärmt sich zunehmend. Das Ernährungskonzept, das ich mir im Vorfeld zurechtgelegt und im Training erprobt habe, versagt nun völlig. Ich trinke nur noch Wasser und esse nur noch Gels (am Ende habe ich 40 Gels verdrückt). Der zweite Marathon ist gefühlt der schwächste. Das Team motiviert mich ständig und puscht mich mit Informationen über den Rennverlauf. Ich liege an Position 4 und der Dritte schwächelt. Aber kurz vor dem Ende des zweiten Marathons geht nichts mehr und ich begebe mich spontan in die Hände der Masseure. Nach dieser, fast 20-minütigen Pause, sind die Beine deutlich lockerer und ich kann wieder ein langsames Lauftempo aufnehmen. Der zweite Marathon dauert 5:33 Stunden.

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Die Wärme nimmt weiter zu und bei feuchtwarmen 28 Grad ist das Laufen für alle eine Qual. Die Teams und auch der Veranstalter haben mittlerweile Wannen und Bottiche mit kühlem Wasser oder Eiswürfeln an die Strecke gestellt, so dass sich die Läufer dort jederzeit erfrischen können. Manche Teams bieten uns Wassereis, Melonen und andere Erfrischungen an. Hier hilft jeder jedem. Stephan und Achim halten für mich in jeder Runde einen besonderen Service bereit: Rücken und Kopf werden mit einem nassen Handtuch gekühlt und die Beine mit einem nassen Schwamm abgerieben. Eine richtige Wohltat.

Int. Triple Ultra Triathlon in Lensahn 2014

Der Rennverlauf hält immer wieder Überraschungen bereit. Um Platz 3 laufen Peter Ackermann, Casper Ludvigsen, Lüder Schulz-Nigmann, Thorsten Eckert und ich. Platz 1 und 2 sind zu diesem Zeitpunkt bereits außer Reichweite. Thorsten, der in Führung liegend zum Laufen gekommen war verliert Runde um Runde auf uns andere. Den 4. Platz, den ich lange inne hatte, habe ich während der Zeit bei der Massage an Peter abgegeben und erst in der 79. Runde kann ich Thorsten überholen und wieder auf den vierten Rang vorkommen. Die verbleibenden 17 Runden (etwas mehr als ein Halbmarathon) gilt meine ganze Aufmerksamkeit dem Halten dieses Platzes. Von hinten drücken Casper und Lüder. Letzteren habe ich zwischenzeitlich schon abgeschrieben, da er nur noch geht und sogar über zwei Runden hinweg ärztlich versorgt wird. Doch bei so einem Wettkampf ist alles möglich und ich bin sehr überrascht, als er mich kurze Zeit später in lockerem Laufschritt überholt. Von da an heißt es für mich „Zähne zusammenbeißen“ und durchlaufen. Erst sechs Runden vor dem Ende kann ich kurz mit Casper, der auf Platz 5 liegt, reden und er sagt mir, dass mein Rundenvorsprung ausreichend ist, so dass ich von ihm keinen Angriff mehr zu erwarten habe.

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Die letzte Runde ist in Lensahn in jeder Hinsicht die schönste Runde. Sie wird entgegen der normalen Laufrichtung gelaufen. Meine Frau Claudia und meine Freunde begleiten mich und ich kann die Glückwünsche der anderen Teilnehmer entgegen nehmen – das sind bewegende Momente. Beim Durchschreiten des Zielbogens überwiegt die Erleichterung darüber, dass es endlich, nach weiteren 5:33 Stunden, vorbei ist. Nach insgesamt 37:06:48 Stunden beende ich als vierter diese WM.

Int. Triple Ultra Triathlon in Lensahn 2014

Vorbei ist es natürlich noch nicht. Nach einer Infusion und einigen Stunden Schlaf gehen wir am Sonntag an die Laufstrecke und feuern die restlichen Teilnehmer an. Um 17:00 Uhr ist Zielschluss, fast alle Teilnehmer (zwei Frauen und zwei Männer haben bereits aufgegeben) haben es geschafft und sind im Ziel bis auf einen – Matthias Marzi fehlen noch 12 Runden. Er läuft sie und wird, nach etwas mehr als 61 Stunden, im Ziel von vielen Teilnehmern, Betreuern und dem Organisator Wolfgang Kulow beglückwünscht – ein weiterer Unterschied zu einem „normalen“ Triathlon.

Int. Triple Ultra Triathlon in Lensahn 2014

Ursprünglich wollte ich diesen Wettkampf ohne fremde Hilfe absolvieren, im Verlaufe des Rennens entwickelte sich in diesem Punkt eine starke Eigendynamik und am Ende muss ich feststellen, dass ich das Ergebnis ohne die Hilfe von Claudia, meinen Eltern, Maren, Stephan, Heide und Achim nicht erreicht hätte. Hierfür danke ich euch ganz herzlich. Bedanken möchte ich mich ebenfalls bei Uwe Buchtmann, unser Vereinskollege und Physiotherapeut, hat mich in zahlreichen Stunden während der Vorbereitungszeit immer wieder „zurecht gebogen“.